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Wieso jeder ein fensterloses Duschklo braucht

Texte

Vor ein paar Wochen saß ich bei einem Freund auf dem Sofa. Es war weit über Mitternacht. Wir führten kein schönes, aber ein gutes Gespräch. Irgendwann fragte ich ihn, wann er denn mal nicht denken würde. Er antwortete: „In der Dusche.“ Das sei der einzige Ort, an dem er alles um sich herum vergessen würde. Dort würde er loslassen. Ich lächelte und stimmte ihm zu. Ja, das kenne ich. Vor ein paar Tagen tauschte ich Ideen bezüglich eines neuen Projektes mit einem anderen Freund via Facebook aus. Ein kurzes Ding. Schnelles Tippen. Schreiben, was man denkt ohne es zu überdenken. Auch das kann mal ganz hilfreich sein.

Naja musst halt erstmal das Ding an sich benennen, dann die Ausgabe. Das finde ich am interessantesten. Ich habe… Klingt ganz gut auf jeden Fall. Naja das waren jetzt erst mal alle Ideen dafür im Allgemeinen. Und als Subline dann… Ausgabentitel wäre dann… oder so mal gucken. Geht doch schon gut in die richtige Richtung. Das Beste fällt einem dann eh wieder unter der Dusche, auf dem Klo oder beim Kaffee machen ein. Dusche! Immer. Dann Klo und dann ganz lange nichts. So sieht es aus. Klo in der Dusche wäre die ultimative Ideenschmiede.

Wie Recht er hatte. Ich schmunzelte noch ein bisschen und wir gingen weiter unseren Ideen nach. Ein bisschen Dies, ein bisschen Das verfolgen. Vielleicht doch Das. Irgendwie ist Das alles doch noch nicht so rund. Irgendwas fehlt. Ach man, ich weiß nicht weiter. Aha-Effekt, wo bist du? Man liest und redet, schreibt und hört und trotzdem will der Funke, den man sucht nicht überspringen. Das, was einen dazu bringt wirklich überzeugt von seinem Konzept zu sein, fehlt. Schweiß, Gedanken, noch keine Tränen, aber jede Menge Herzblut gehen ins Land.

Einer der 24 Menschen mit denen ich über meine Idee gebrainstormt habe, muss mir doch den richtigen Impuls geben können. Irgendwo auf einer dieser 500 achso kreativen Seiten, die ich bei Facebook geliked habe, muss doch DIE Inspiration sein, nach der ich auf der Suche bin. Ich höre Musik, schnelle und langsame, gehe raus, tue nichts, mache Sport, gehe essen, gehe feiern, kiffe, trinke, denke, denke nicht, grüble, fluche. Lese noch mehr, gucke mir alte Sachen, neue Sachen an, suche auf noch mehr Seiten, speichere, lösche, sammle, versinke in einer Bilder- und Gedankenflut. Ich will das Rad ja nicht mal mehr neu erfinden. Verdammt noch mal, irgendwo in diesem Internet muss sich doch was mit gutem Gewissen, nein nicht klauen, kopieren lassen.

Irgendwann sitze ich mit brennendem Kopf und tränenden Augen völlig verloren vor dem Rechner und bin kein Stück weiter. Der Funke der Idee ist noch kleiner als vorher. Alles was in meinem Kopf noch vorhanden ist, ist ein weißes Blatt Papier auf dem Blockade steht. Hallo, endlich bist du da. Ich habe dich schon erwartet.

Sie hat ‘nen Gästelistenplatz bei jeder Projektparty, jedes kreativen Gastgebers. Sie ist wie eine dieser 120,60,90-Promisternchen, die superlativ alles dafür tun, um ihr Bild einmal in der Woche in der „Touch“ zu sehen. Egal was da steht, Hauptsache es steht. Alternativ würde sie sich auch mit einem 1,5 Minuten langen Beitrag bei „RTL Exklusive“, noch lieber aber „Red“ zufrieden geben, um dort über eine andere haarverlängerte Blondine ihres Gleichen in bestem Deutsch zu lästern.

Die gute alte, blonde Blockade. Jeder kennt sie. Keiner mag sie. Trotzdem kommt sie immer wieder. Keiner gibt so gerne zu, dass er schon mehr als einmal was mit ihr hatte. Denn als guter Kreativer hat man sowas nicht zu haben, zumindest nicht zu oft. Die, die ihr verfallen, die hören auf zu denken, verlieben sich in kleine weiße ab und an auch bunte Pillchen, lachen über Blondinen-Witze und landen in der Werbung. Den anderen, denen fallen die intellektuellen Brillenträger-Ideen vielleicht irgendwann auf dem Klo, knapp am Smartphone vorbei, in den mittelmäßig ausgebauten Schoß. Die landen dann mal hier, mal da und werden irgendwann durchschnittlich glücklich mit ihren Ideen für die rosarote Gummimasse.

Dann gibt es die, die sich nicht mit Pressfleisch zufrieden geben. Die, die zarte Einfälle wollen. Ja, verdammt, die will ich auch. Filetstücke der Gedanken. Die, die gestern Nacht bis 4Uhr und heute schon wieder, ungewaschen den ganzen Tag verzweifelt auf der Jagd nach der DER Idee sind. Der Bildschirm spuckt inzwischen nichts mehr außer Selbstzweifel aus und der Impuls der eigentlichen Idee, der ist irgendwo in der kurzen Phase der Euphorie nach Projektstart hängen geblieben.

Übermüdet und verloren im Tunnelblick fällt mir auf, dass ich eigentlich mal wieder was essen könnte. Gewaschen würde das bestimmt noch besser schmecken. Vielleicht sogar draußen an der frischen Luft mit Freunden. Na gut. Duschen.

Klamotten aus, Wasser an. Der Durchschnitt duscht ungefähr 5 Minuten, nicht viel Zeit, die man sich nimmt, um mal nicht nachzudenken. Die einzige Aufgabe, die ich jetzt habe, hat sieben Buchstaben und lautet: Duschen. Ich stehe da und denke an nichts, außer, dass ich mich wundere, wieso hier schon wieder drei unterschiedliche Duschgele in allen drei Ecken der Dusche rumstehen. Egal, sind ja eh schon alle offen. Das Wasser ist eigentlich viel zu heiß, aber irgendwie gut. Augen zu. So schön ruhig. Hier ist der einzige Ort, an dem ich mal meinem Atem zuhöre. Und plötzlich kommt unverhofft dann doch oft. Ohne, dass ich will, weil ich eigentlich nur damit beschäftigt war, kein Shampoo ins Auge zu bekommen, ist er da, der eine Gedanke, der die Idee zu meinem Konzept macht. Sie steht da, ganz scharf gestellt vor meinem inneren Auge und feiert sich selbst. Ich feiere mit.

Die Dusche ist der perfekte Ort für eine Idee im Wachstumsstadium. Am besten kein Fenster, kein Einfluss. Nur der Raum,  keine Gedanken und Ich. Eine Idee braucht Euphorie, den Krampf danach, ab und zu auch eine billige Blockade und dann nur ein bisschen Wasser zum Abspülen des Unwichtigen. Feuchte Luft für die Reduktion des Guten. Am besten ein fensterloses Duschklo. Denn der springende Punkt, den ich im bunten World Wide Web und dem medialen Rausch gesucht habe, war die ganze Zeit in meinem Kopf.