gedankenart_carinamaehler2

Jeder hat einen Hund, aber keinen zum Reden.*

Texte

Ringbahn Richtung Wedding. 00:24. Es ist voll. Es wird geredet, getrunken und gelacht. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Als ein paar Leute aussteigen und ich mich hinsetzte fällt mir ein Mädchen auf, ca. 1,63 groß. Sie sieht aus wie eins der tausenden von jungen Berliner Mädchen. Turnbeutel und Sneaker von Nike. Schwarze Leggins und irgendein neon-farbenes cropped Top. Sie ist alleine unterwegs. Mir fällt auf, dass sie ganz schön hibbelig ist. Sie wirkt nervös. Plötzlich fängt sie an zu tanzen. Sie hört wieder auf. Mir fallen ihre Unterarme auf. Unzählige Narben.

Sie fängt wieder an zu tanzen. Hört wieder auf. Sie spricht einen Typen an. Was sie reden verstehe ich nicht. Sie geht wieder weg von ihm. Kommt näher. Setzt sich mir gegenüber hin. Neben einen ca. 36 Jahre alten Mann. Wie alt sie ist? Höchstens 17. Nachdem sie ihn beim hinsetzten angerempelt hat lächeln sich die beiden an. Er wirkt betrunken. Sie auch.

Was auch immer sie genommen hat. Es wirkt.

Sie spricht ihn an, ob er nicht etwas kennen würde, wo sie ihr Handy aufladen könnte. Man merkt, dass es nicht um das Handy geht. Sie will zu ihm nach Hause. Mit irgendjemandem mitgehen. Sie nuscheln weiter. Ich verstehe es nicht mehr. Ihr Versuch scheint vergebens, denn er steigt die nächste aus. Sie bleibt sitzen. Sie scheint das nicht weiter zu stören. Das scheint gerade nur einer von vielen Versuchen an diesem Abend gewesen zu sein.

Plötzlich trifft ihr Blick meinen. Wir schauen uns in die Augen. In ihrem sehe ich vieles, aber kein Glück. Ich sehe müde von Augenringen unterlaufene, rote Augen, die alles ausstrahlen, aber keine Freude. Viel mehr suchen sie Hilfe, sehen traurig aus, mitgenommen.

Ich sehe jeden Tag so viele Menschen. Die die telefonieren, die die von A nach B hetzten oder die die big im Business sind und die die so tun als wenn sie es wären. Am Wochenende und in der Nacht wird die Vielfalt genau derer dann noch größer. Alle gehen essen, etwas trinken, feiern. Sind fröhlich, lachen und tanzen. Jeder hat Spaß. Jeder hat unendlich viele Freunde und weiß gar nicht wohin vor lauter Angeboten. Doch es ist nicht alles Gold was glänzt und es ist längst nicht alles gut, nur weil es auf Instagram so scheint.

Denn manchmal setzt sich jemand in der Bahn dir gegenüber hin. Und du erkennst hinter der bunten lauten Fassade, die von weitem happy und gelassen scheint, apathische Augen, die dich noch hoffnungsloser anschauen als deine eigenen, wenn du morgens in den Spiegel schaust.

*Zitat: Peter Fox – ‚Schwarz zu Blau‘