gedankenart_carinamaehler29

Im Takt deiner Atopie

Texte

Heute mal wieder hier. Laute Nacht, bunter Sound, rauschende Lichter, heiße Luft. Alle um mich herum scheinen das hier zu lieben, scheinen diesen Ort, diese Stadt zu lieben. Ganz schön heller Schein. Sie tanzen im Promillerausch durch die dunkelbunte Nacht und wachen am nächsten Morgen mit stolzem Kater und Herzrasen auf. Mir kommt in meinem benebelten Sinn der erste Gedanke an dich. Erfolgreich erfolglos habe ich versucht das zu vermeiden.

Jetzt will ich weg. Diese Stadt, diese Gesichter. Hier ist niemand so wie ich, niemand so wie du. In keinen Augen erkenne ich mich wieder. Selbst in seinen nicht. Wenn er betrunken ist, versteht er mich nie. Versuchen zu diskutieren oder zu erklären habe ich aufgegeben. Während ich den Club verlasse, ziehe ich im schnellen Gehen meinen Mantel an. Raus hier. Sie fragt mich noch vor dem Ausgang wieso ich denn schon gehe. Das einzige was mir einfällt ist ein schwaches: „Darum.“ Warum ich wirklich gehe interessiert sie sowieso nicht. Sie sagt noch irgendwas, ich lächle müde und gehe.

Ich gehe nicht, ich flüchte und wünsche mich zurück zu dir. Zurück in deine Straßen. Ich wollte früher nie so sein wie du. Jetzt bin ich genau das. Genau so, wie die Menschen in deinen Straßen. Ich hab gedacht ich kann es lassen, dich hassen oder wenigstens verachten. Aber egal in welcher Stadt ich mir einbilde zu Hause zu sein, wohl fühle ich mich nie. Wenn ich endlos laufen könnte, würde ich zurück zu dir rennen. Jetzt und sofort, drei Nächte durch. Denn wenn ich wiederkomme, bist du immer da. Ob ich will oder nicht, du bist Heimat. Ob ich will oder nicht, das hier ist es nicht.

Ich bin bald in meiner Wohnung und frage mich während ich durch die schrecklich leisen Straßen spaziere, ob das jetzt Fernweh oder Heimweh ist. Weiß ich nicht. Auf jeden Fall irgendeine Form von Sehnsucht. Denn ich vermisse so vieles an dir. Die Kopfsteinpflastergassen mit den kleinen Plattenläden an den Ecken, die Aura deines Berufsverkehrs, jede rote Ampel, die mir zeigt, dass ich eigentlich auf dem falschen Weg bin. Die Augenringe deines Sonnenuntergangs, das Mixtape deiner Morgenstunden. Deine Stadtmitte ist eine Droge. Ich vermisse sogar die Menschen, die nicht miteinander sprechen, die sich missverstehen und sich nie richtig kennen lernen. Die Luft in deiner Gegenwart.

Schlüsselloch gefunden. Ich falle betrunkener als ich dachte in mein Bett, zum Glück allein. Denke an meine letzte Nacht unter deinem Himmel. Dunkel wird es nie ganz über dir. Ich kann mich noch an den Moment erinnern, als ich das letzte Mal im fünften Stock irgendeines Hauses eingeschlafen bin. Offene Fenster, dein Atem in meinem Nacken. Ich konnte nicht unterscheiden, ob es der Takt deiner Nacht oder meines Herzens ist, der da so laut schlägt. Ich erinnere mich an den Morgen, als ich dich das letzte Mal verließ. Die Sonne schien und ich fuhr die Abkürzung durch das alte Fabrikgelände raus aus deinem Trubel. Ein neuer, schlecht gesprühter Spruch an dem alten Backsteinhaus: „Ich wünschte, ich wäre mehr die Stadt, die du verdient hast.“

Ich auch. Du tust mir nicht gut. Du hast mich kaputt gemacht. Das weißt du, das weiß ich. Und trotzdem komm‘ ich immer wieder, weil du meine Stadt bist. Weil du Heimat bist.