gedankenart_carinamaehler30

Heimlich schnell & laut

Texte

Ich sitze im Auto auf dem Weg zu Opa. Es ist Juli und die Sonne scheint. Ich fahre um die 180km/h und meine Playlist ist auf Zufallswiedergabe gestellt. Mein Handy hat mich eben schon gewarnt, dass bei dem zu lauten Hören von Musik bleibende Hörschäden entstehen können. Weiß ich, danke. Ein neuer Track fängt an. Ich erkenne Bon Iver „Wolves (Act I & II)“ – mein „Oma-ist-gestorben-Song“.

Und mir fällt auf, ich fahre zu Opa, nicht zu Euch. Nur zu Opa. Du wirst nicht da sein. Das hatte ich erfolgreich verdrängt. Dass du nicht mehr da bist, habe ich das letzte halbe Jahr wirklich erfolgreich ignoriert. Als ich das letzte mal bei euch war, war zu deiner Beerdigung. Es war Januar, kalt und grau. Irgendwie in perfektes Wetter zum Sterben.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich von diesem kollektiven Trauern fern gehalten habe und so ziemlich als Erste wieder gefahren bin. Und vor allem, dass ich am wenigsten geweint habe. Ich frage mich gerade, wann ich das eigentlich verlernt habe. Weinen. Ich weiß nur, dass ich echt schlecht drin bin. Und erst recht vor anderen. Egal vor wem. Weinen vor und trauern mit anderen. Kann ich nicht.

Mir kommen zwei Momente in den Kopf. Der erste als Opa allein an der Haustür stand und mir gewunken hat als ich gefahren bin. Sonst standest du da immer noch in seinen Armen neben ihm und hast mit deinem goldenen Lächeln auf Wiedersehen gesagt. Und der zweite, als Papa an deinem Sarg stand und gesagt hat: „Tschüss Mutter“.

Die Musik läuft und ich fahre schneller und weine, ja die Tränen laufen. Mir fällt auf, dass ich es wirklich geschafft habe in den letzten 184 Tagen nicht einen Moment lang zu verarbeiten. Und jetzt sitze ich weinend im Auto. Oma ich glaube ich habe gerade bei 180mk/h auf der linken Spur bei extrem lauter Musik Abschied von Dir genommen.

Heimlich, schnell und laut.

http://www.youtube.com/watch?v=9YgjZ4oPrj4